Object - Datensatz
 
Medien
Permanente URL
http://data.tmw.at/object/138770
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TURTLE
Identifikator
138770
Inventarnummer
1422
Datensatzart
OBJECT
Standort
E4,4.24
Sammlungsgruppe
Titel
Benz Victoria Vis-à-Vis
Beschreibung
Der zwischen 1893 und 1900 produzierte Benz Victoria war der erste Vierrad-Wagen von Carl Benz und das erste Benz Modell, das in größerer Stückzahl produziert wurde. Die ersten Benz Patent-Motorwägen waren Dreiräder aus Stahlrohren und in der Rahmenkonstruktion stark von der Fahrradtechnik beeinflusst (vgl. Inv. Nr. 16756 Modell des Benz Patent Motorwagen Modell 1), unter anderem auch, weil Benz noch keine befriedigende Lösung für die Lenkung einer vierrädrigen, motorisierten Kutsche gefunden hatte. Im Jahr 1891 stieß er auf die Idee der bereits 1816 von einem Kutschenbauer aus München erfundenen Achsschenkellenkung, die er für Motorwagen adaptierte und im Jahr 1893 mit der Nr. 73515 zum Patent anmeldete. Der Benz Victoria war das erste Modell, das mit der neuen Achsschenkellenkung ausgestattet war, die schon bald zum Standard im Motorwagenbau wurde. Es gibt Berichte, die den Namen "Victoria" auf den Sieg über das konstruktive Problem der Lenkung zurückführen, tatsächlich aber bezeichnet "Victoria" einen zweisitzigen Kutschentyp, der häufig zusätzlich mit einer aufklappbaren Sitzbank gegenüber den Sitzen ausgestattet war. Bei diesem Fahrzeug ist eine feste Sitzbank "Vis à vis" vorhanden. Die Holzkarosserie ist schwarz lackiert, das Verdeck aus schwarzem Leder ist aufklappbar. Vorne sind an beiden Seiten Laternen der Firma Klubal & Co Prag montiert. Ein Metallschild an der rechten Seite des Kutschenaufbaus weist den Wagen als "Patent Motor-Wagen No. 24" aus. Die Speichenräder aus Holz sind rot mit schwarzen Zierstreifen lackiert. Die Vorderräder sind aus Vollgummi, die Hinterräder mit Eisen beschlagen. Auf allen vier Rädern sind Blattfedern montiert. Der Einzylindermotor mit 3 PS (2,21 KW) und einer Drehzahl von 470 U/min befindet sich im Heck des Wagens über der Hinterachse. Er verfügt über ein senkrechtes Schwungrad, einen Oberflächenvergaser und ein automatisches Einlassventil, d.h. das Ventil öffnet sich durch den Unterdruck des ansaugenden Kolbens. Das Auslassventil ist gesteuert. Gekühlt wird der Motor mit Wasser. Direkt über dem Motor ist ein zylinderförmiger Dampfdom zur Dampfkondensation angebracht. Das Wasser fließt zurück in die zwei Kühlkästen auf den Innenseiten der hinteren Karosserie, aus denen sich der Kreislauf speist. Der Antrieb erfolgt über ein zweigängiges Riemengetriebe, bei dem die Gangschaltung durch Verschieben der Riemen auf größere und kleinere Tonnen erfolgt. Die Kraftübertragung erfolgt über die Antriebswelle mit Hilfe von zwei Ketten rechts und links auf die beiden Hinterräder. Die maximale Geschwindigkeit beträgt ca. 20km/h. Die Zündung erfolgt mittels Batterie, die links unter der Sitzbank angebracht ist und durch eine Klappe in der Basis der Sitzbank zugänglich ist. Daneben befinden sich an der linken Basis der Sitzbank der Zündungsknopf, ein Hebel für die Benzinzufuhr und ein Regler für die händische Zufuhr von Luft und Gas für den Vergaser. Die Lenkstange für die Achsschenkellenkung befindet sich in der Mitte des Wagens. Direkt links neben der Lenkstange sind zwei Hebel für die Gangsschaltung angebracht, von denen der untere zur Anhebung des Antriebsriemens und der obere zur seitlichen Verschiebung dient. Die Bremsung erfolgt durch Backenbremsen auf die beiden Hinterräder, die durch einen Handbremshebel auf der linken Seite ausgelöst werden. Mit einer Bremskurbel, die links oberhalb der Sitzbank angebracht ist, wird eine Bandbremse auf die Antriebswelle betätigt. Der Besitzer des Benz Victoria Vis à Vis war Eugen Zardetti, ein Vorarlberger Marinemaler, der 1911 in einem Schreiben an das Neue Wiener Tageblatt für sich den Titel reklamierte, der erste Besitzer eines fabriksmäßig hergestellten Automobils in Österreich gewesen zu sein. (Vgl. Die ersten Automobile in Oesterreich Ungarn, Neues Wiener Tageblatt, 14. März 1911, S. 60). Tatsächlich wurde in der Vorarlberger Presse im März 1893 erstmals ein Automobil gemeldet. In der Beschreibung des Fahrzeugs in einem Artikel der Vorarlberger Landeszeitung vom 11. März 1893 wurde dieses jedoch als Benz-Patent Motorwagen Dreirad beschrieben. Demnach ist dieser Benz Victoria zunächst ein Benz-Patent Motorwagen gewesen (vgl. )und wurde später umgebaut. Ein Artikel in der Allgemeinen Automobil Zeitung vom März 1933 beschrieb, dass Zardetti in der Tat das Dreirad zu einem Vierrad umbauen ließ. Ausgeführt habe die Arbeit ein geschickter Wagener in Bregenz, Theodor Anwander. In der Familie Anwander erzählt man sich bis heute, Theodor habe dem Fahrzeug auch noch ein paar zusätzliche PS eingehaucht. Der Umbau von einem Dreirad mit Stahlrohrrahmen auf eine vierrädrige Kutsche mit Holzrahmen sowie das Tuning des Motors erscheinen aus heutiger Sicht erstaunlich, da zum damaligen Zeitpunkt nur sehr wenige Wagenbauer Kenntnisse und Erfahrung im Umgang mit und in der Konstruktion von Automobilien mitbrachten. Die These vom Umbau dieses Fahrzeugs von einem dreirädrigen Benz-Patent Motorwagen zu einer Benz Victoria konnte bis heute weder bewiesen noch widerlegt werden.
Objektbezeichnung
Maße
Breite: 160.0cm
Länge: 300.0cm
Höhe: 230.0cm