Begriffsbeschreibung
Die sogenannte Zivilisierungsmission war im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine zentrale Rechtfertigungsstrategie des europäischen Kolonialismus. Sie gründete auf der Annahme einer vermeintlichen kulturellen Überlegenheit Europas. Vor diesem Hintergrund wurde koloniale Herrschaft als moralische Verpflichtung interpretiert, „unterlegene“ Bevölkerungen zu erziehen und ihnen europäische Vorstellungen von Bildung, Religion, Recht und Verwaltung zu vermitteln. Die ideengeschichtlichen Wurzeln der Zivilisierungsmission liegen in der Aufklärung und im christlichen Missionsgedanken. Der Begriff „mission civilisatrice“ etablierte sich um 1840 im französischen Kolonialdiskurs, zunächst im Zusammenhang mit der Kolonialisierung Algeriens, und verbreitete sich bald auch in weiteren europäischen Kolonialreichen. In der Praxis nutzten koloniale Akteur:innen das Narrativ der Zivilisierungsmission um Missionierung, koloniale Bildungseinrichtungen, Verwaltungsstrukturen, Rechtssysteme und Infrastrukturprojekte, die der Absicherung kolonialer Herrschaft dienten, zu rechtfertigen. Die Zivilisierungsmission war damit Ausdruck kolonialer Herrschaftsideologien, die rassistische Hierarchien reproduzierten und dabei andere Kulturen abwerteten.